integration 1/10

Heft 1/10, Januar 2010, S. 21-35

Michael W. Bauer und Barbara Heisserer
Die Reform der Europäischen Kommission. Modernisierungskonzepte aus vier Jahrzehnten im Vergleich

Die Europäische Kommission gilt als Motor der europäischen Einigung " nicht zuletzt weil ihrem bürokratischen Unterbau ein langes Gedächtnis unterstellt wird. Trotz immensen Aufgabenzuwachs und Aufgabenwandels blieb ihr Verwaltungsapparat in seinen Managementstrukturen allerdings bis in die 1990er Jahre nahezu unberührt, um dann zwischen 2000 und 2004 einem radikalen Umbau unterworfen zu werden. Die Lesart von der verkrusteten Kommissionsverwaltung, die über viele Jahrzehnte in einer administrativen Modernisierungsresistenz verharrt habe, bis der britische Vizepräsident der Kommission Neil Kinnock zu einer schmerzhaften Radikalkur à la New Public Management ansetzte, ist weit verbreitet. Tatsächlich hat es aber spätestens seit Ende der 1970er Jahre immer wieder Modernisierungsinitiativen gegeben, die bisweilen sogar recht erfolgreich verliefen. Welche Initiativen es gab, in welchen Aspekten und unter welchen Bedingungen diese erfolgreich waren, was man also durch eine Analyse des Managementwandels der Europäischen Kommission über Verwaltungsmodernisierung in der supranationalen Arena lernen kann, ist Gegenstand dieses Artikels.

Im ersten Abschnitt wird ein Raster zur Bewertung von Modernisierungsprozessen in den nationalen öffentlichen Verwaltungen aus der vergleichenden Verwaltungswissenschaft entwickelt. Dieses stellt den Analyserahmen für die Einordnung der verschiedenen administrativen Reforminitiativen in der Europäischen Kommission dar. Der Akzent liegt dabei auf dem aus politikwissenschaftlicher Sicht interessantesten Aspekt, nämlich der Analyse der verschiedenen Reforminitiativen aus einer Prozess- und Akteursperspektive. Der empirische Teil widmet sich sodann der Beschreibung und Einordnung der vier identifizierbaren Initiativen zur Reform der Verwaltung der Kommission. Am Ende des Artikels werden anhand der beobachtbaren Gemeinsamkeiten und Unterschiede erste Schlussfolgerungen gezogen. Dabei zeigt sich, dass das Bewusstsein für den vorhandenen Reformbedarf, die Dauer des Reformdrucks, ein partizipatives Reformmanagement und ein kohärenter Führungsstil wichtige Erfolgsfaktoren der Reformprozesse waren. Jenseits der im Rahmen dieser Analyse erzielbaren Ergebnisse deutet der Artikel auch eine Untersuchungsstrategie an, wie administrativer Wandel in supranationalen Organisationen mit dem Instrumentarium der bislang fast ausschließlich national vergleichenden Verwaltungswissenschaft analysierbar gemacht werden konnte.

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ISSN 0720-5120

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| Letzte Aktualisierung: 26.01.2012