integration 1/10
Heft 1/10, Januar 2010, S. 50-64
Torsten Müller, Hans-Wolfgang Platzer und Stefan Rüb
Die europäischen Gewerkschaftsverbände. Zur Entwicklung ihrer Organisation und Politik seit den 1990er Jahren
Der Prozess der europäischen Integration hat sich seit den 1990er Jahren in einer historisch beispiellosen Weise dynamisiert. Die Vertiefung und Erweiterung der Europäischen Union haben die Bedingungen der gewerkschaftlichen Interessenvertretung im Mehrebenensystem der Europäischen Union nachhaltig verändert und zugleich neue Anforderungen an eine transnationale Problembearbeitung gestellt:
- Durch die Einbindung einer großen Zahl neuer Mitgliedsverbände aus dem östlichen Europa in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum ist die staatenübergreifende Gewerkschaftskooperation institutionell und politisch schwieriger geworden, da der Mitgliederzuwachs die (schon in der "EU-15" vorhandene) "Modellvielfalt", also die Varianz in den Strukturen und Praxen nationaler Arbeits- und Tarifbeziehungen erhöht hat und die Heterogenität der ökonomischen und arbeitspolitischen Mitgliederinteressen signifikant zugenommen hat.
- Durch die Binnenmarktvollendung, die umfassende Liberalisierung und Deregulierung der Märkte und die Etablierung der Währungsunion haben sich die Wettbewerbsverhältnisse im Integrationsraum weitreichend verändert und zu neuen Anforderungen einer transnationalen Koordination gewerkschaftlicher Arbeits- und Tarifpolitik und einer überstaatlich abgestimmten Interessenvertretung gegenüber den EU-Organen geführt. Diese gleichzeitig zu bewältigenden Anforderungen eines komplexeren "management of diversity" und eines anspruchsvolleren "management of interdependence" kennzeichnen mithin den Wandel der inneren und äußeren Verbandsumwelten der europäischen Gewerkschaftsverbände seit den 1990er Jahren.
In den politischen und wissenschaftlichen Debatten zum Themenfeld "Gewerkschaften und EU-Integration" führen die transnationalen Branchenzusammenschlüsse der Gewerkschaften, die derzeit existierenden zwölf europäischen Gewerkschaftsverbände, die im Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB) zusammengeschlossen sind und neben dessen nationalen Dachverbandsmitgliedern die "zweite Säule" bilden, bislang eher ein Schattendasein. Auch in der mittlerweile umfangreichen Forschung zum Themenfeld "europäische Verbandspolitik und EU-Lobbyismus" ist dieser Akteursgruppe, von älteren Arbeiten abgesehen, kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden.
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ISSN 0720-5120
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